Ligne Claire

Sugartown

Der Inhaber des Hotel Rif ist ein höflicher Mann. Ich habe kein Bild von ihm, aber er ist Alfred Molina wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn er seine Gäste begrüßt, verbeugt er sich lächelnd und sagt ein paar freundliche Worte. Das tröstet darüber hinweg, dass die Zimmer seines Hauses leider den verotteten Charme eines französischen Kolonialaussenpostens der Dreißigerjahre aufweisen. Wenigstens halten die Ameisen den Fußboden krümelfrei. Und der stark gezuckerte grüne Tee mit den frischen Minzblättern, den macht er famos.

Viele Europäer reisen nach Chefchaouen um dort zu kiffen. Die Gegend im Norden des Rif-Gebirges ist Hanfanbaugebiet. Die Stadt, die etwa zwei Autostunden im Landesinneren Marokkos liegt, eignet sich aber auch bestens, um sie sich einfach nur anzuschauen und ein wenig an Marokko zu schnuppern. Vor allem wenn man nur wenig Zeit hat. Denn Chefchaouen ist klein.

Vom Hafen im südspanischen Algeciras kann man mit einer Hochgeschwindigkeitsfähre in etwa einer Stunde nach Ceuta, der spanischen Exklave in Afrika, übersetzen. Wie die meisten spanischen Städte sieht auch diese größer aus, als sie ist. Etwa 70.000 Menschen leben in Ceuta. Ich hatte ein gottverlassenes Drecksloch erwartet, das lediglich dank Subventionsgeldern überlebt, genau das Gegenteil war Ceuta: wie Algeciras, von Schweizern regiert.

Die Schattenseite zeigt sich hinter dem Stadtzentrum. Die Buslinie 7 führt durch den Hinterhof Ceutas zur Frontera. Dort endet Europa. Otto Schily und seine Spießgesellen von der EU haben zig Millionen Euro in diese Grenze investiert, um sich Afrika vom feisten Leib zu halten. Die Menschen, deren Weg hier enden soll, nennt Deutschland zynisch »Wirtschaftsflüchtlinge«.

Wenn man an Spaniens Küsten wieder mal eine tote Mutter findet, die ihr ebenso jämmerlich ersoffenes Baby noch im Arm hält, dann also allein deswegen, weil sie da unten in Afrika keine vollständige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und nur 23 Urlaubstage im Jahr haben. Sie hätte sich eben ordnungsgemäß in die Warteschlange gen »Altes Europa« einreihen oder am besten gleich per Antragsformular für Schilys Lager voranmelden sollen. Und wie könnte man bloß auf die abstruse Idee kommen, dass Politik und Wirtschaft in irgendeiner Form zusammenhängen könnten? Wo kämen wir denn da hin?

Die Grenzstation zwischen Europa und Afrika ist das Deprimierendste, was ich seit langem gesehen habe. Überall Müll und Dreck, dazu ein bleigrauer Himmel. Marokkanische Pendler stehen mit ihren Plastiktüten in langen Schlangen in käfigartigen, überdachten Gängen. Die marokkanische Polizei ist offenbar angewiesen, Europäer gut zu behandeln: wir werden aus der Warteschlange herausgewinkt und dürfen gesondert passieren. Bekanntlich sind alle Menschen gleich.

Wenn man zu Fuß diese Grenze passiert, marschiert man geradewegs auf eine Armee von marokkanischen Taxifahrern zu, die Reisenden ihre Dienste aufdrängen. Nachdem man einen Preis ausgehandelt hat, der für beide Parteien akzeptabel ist – für den Fahrer wahrscheinlich etwas mehr-, ballern diese Wahnsinnigen in ihren alten Mercedes-Taxis über die Landstraßen ins Landesinnere, dass jedem deutschen Autobahnraser Hören und Sehen vergehen würden. Wer nicht überholt, verliert.

In Chefchaouen angekommen, kann man sich dann vor sein Hotel setzen, bei einer Tasse Zuckerwasser Tee die menschenleeren Berge oder die Leute auf der Straße betrachten und Allah einen guten Mann sein lassen. Denn viele Leute in Chefchaouen tun es genauso. Und weil in Deutschland Faulheit nicht als erstrebenswert, sondern als Todsünde gilt und man dank protestantischem Arbeitsethos schon bei zwei Minuten Untätigkeit als Sozialschmarotzer gilt, nenne ich das ganze lieber »Relaxtheit«. Ein deutsches Wort fällt mir gar nicht erst ein.

Bis 1920 war der Zutritt zur Stadt, die nach der Reconquista von Flüchtlingen aus Andalusien an einem steilen Berghang gegründet wurde, für Europäer nicht gestattet. Heute geben sich die Touristen die Klinke in die Hand. Hauptsächlich das übliche Gemisch aus dreadlockigen Neohippies in Erdtönen mitsamt ihrer mit Markenartikeln gemischten Kifferfolkloreausstattung: Deutsche, Amerikaner, Holländer, Nordspanier usw. Es scheint übrigens tatsächlich welche von diesen Leuten zu geben, die sich für ein paar Dirham einen kleinen Jungen halten, der ihnen während ihres Aufenthalts parat steht, um ihnen ihr verschissenes Dope zu beschaffen. Diese Penner scheinen allerdings glücklicherweise die meiste Zeit breit in ihren Hotelzimmern zu verbringen.

Das Leben ist langsam in Chefchaouen. In der Medina öffnen die Läden erst gegen 11 Uhr. Im Friseursalon döst der Inhaber in seinem Frisierstuhl. Stress scheint unbekannt. Das Städtchen scheint wohlhabend zu sein, verglichen mit der hohen Arbeitslosigkeit und der Armut, die in Marokko herrschen. Trotzdem ein schlechtes Gewissen: ist das Elendstourismus, was wir hier veranstalten? Ist das nun Armut? Oder eher… Landleben? Einfachheit? Tradition? Die alten Frauen reinigen die Teppiche im Fluss. Meine Großeltern haben Teppiche auch noch über eine Stange gehängt und von Hand ausgeklopft. Sage ich mir.

Die Opas in ihren Kaftanen schlendern Hand in Hand über den zentralen Platz mit der großen Zeder in seiner Mitte. So lahmarschig, dass man selbst ganz hektisch und kribbelig wird. Was die sich wohl jeden Tag erzählen? Hier geschieht doch nichts. Und es gibt Frauen in bizarren Strohhut-Trachten. Die sehen nicht mal so aus, als legten sie die nur für Touristen an. Andere im Mantel und Koptuch. Jugendliche mit den unvermeidlichen Real- und Marseille-Trikots. Und die Leute sind freundlich.

Man kann all seine Indiana Jones-Klischees von dauerfeilschenden Wahnsinnigen getrost vergessen. Vielleicht ist das anders in den Großstädten. Hier jedenfalls nicht. Ansonsten: man wird mit Respekt behandelt, man behandelt mit Respekt. So einfach kann’s gehen.

Nach einiger Zeit in dieser kleinen Stadt, nachdem es scheint, dass einem so gut wie alle Einwohner und Touristen schon zigmal über den Weg gelaufen sind – so klein ist die Stadt-, fällt einem dann auf, was hier so anders ist: zum Beispiel, dass man ausschließlich mit Männern zu tun hat; egal ob in Hotels, Geschäften oder Cafes. Aber noch mehr, dass in der Stadt fast völlig die visuellen und akustischen Reize fehlen, die man aus Europa gewöhnt ist. Keine Werbeflächen, keine Autos, keine Supermärkte, kein Geschrei und kein Krach. Nur Langsamkeit, die Berge, ein bisschen arabische Musik und ein paar Mal am Tag krächzt der Muezzin aus seinem Lautsprecher.

Es kommt eine merkwürdige Langeweile auf, aber nicht unangenehm. Ich stelle mir vor, dass viele Dinge, die einen tagtäglich beschäftigen, hier überhaupt keine Rolle spielen. In dieser ganzen Stadt wird ausser mir niemand wissen, was ein Box Model Hack ist. Man fühlt sich gereinigt. Wenn man über die Stadt hinaus schaut, sieht man nichts als Berge und Wälder. Nachts nur Schwärze. In Deutschland fehlt das völlig, der Blick in die Weite. Das Auge kann niemals in die Ferne schauen. Immer versperrt durch etwas, das Menschen zu irgendeinem Zweck errichtet haben.

In der Kasbah der Stadt, gleich neben der Hauptmoschee, haben sie ein nettes kleines Museum eingerichtet, mit alten Waffen, Trachten und so weiter. Auch die EU und die Junta de Andalucia haben Geld gestiftet. Man hat gemeinsame Wurzeln. Ein paar kleine Festivals werden in den Sommermonaten veranstaltet. Ein großes Foto von König Mohammed IV. und seinem verstorbenen Vater im Garten. Ein Museumsangestellter, der sich über Besuch freut. Ein junger Historiker, der über die Geschichte der Stadt erzählt. Ich stelle mir vor, wie die Franzosen und Spanier hier gewütet haben. Eine katholische Kirche haben sie gebaut. Im fensterlosen Gefängnis der Kasbah hängen noch Ketten für Hände und Füße von den Wänden. Nebenan gehen die alten Leute in die Moschee. Jüngere bleiben fern.

Alkohol ist in Marokko nicht verboten, soweit ich weiss nur die (öffentliche) Trunkenheit, es gibt sogar eine Weintradition im Land und wohl auch ein paar einheimische Bierbrauereien. Aber es fehlt der allgegenwärtige Alkohol wie in Europa. Nur wenige Einheimische gehen abends in die Bar. Stattdessen sitzt man eben in einem Cafe ohne Alkohollizenz und trinkt Kaffee, Cola oder einen Thé vert. Es ist seltsam, nachts Tee oder irgendein Zuckerzeug zu trinken, für Kaffeeverächter bleiben nicht viele Möglichkeiten. Der Tee, den sie überall servieren, der ist wirklich grandios. Aber der viele Zucker darin. Der macht einen wirklich fertig.

Ich gestehe es: ich habe mich selten so nach einem Bier verzehrt. Ich habe in der Nacht in der einzig greifbaren Bar des Ortes versucht, welches zu erwerben. In einem Heineken-Kühlschrank standen sie und waren e-i-s-ka-l-t! Jedenfalls mindestens 20 Grad unter der Aussentemperatur. Leider stand zwischen mir und dem Kühlschrank ein fetter Marokkaner, der irgendwas von »c’est fini« zischte. Und ich kam mir vor wie ein Barbar. Ich weiss nicht, ob der Kerl leise lachte, als ich den Laden verließ.

Ich ging zum Hotel. »Alfred Molina« saß noch immer davor und begrüßte mich freundlich. Mit einem Tee in der Hand.

I got some troubles but they won’t last
I’m gonna lay right down here in the grass
And pretty soon all my troubles will pass
‘cause I’m in shoo-shoo-shoo, shoo-shoo-shoo
Shoo-shoo, shoo-shoo, shoo-shoo Sugar Town

— Nancy Sinatra

8. Oktober 2004

Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen

    

©© 2002-2008 Dirk Hesse
Powered by Textpattern