Ligne Claire

Als Deutscher auf Reisen

Teil 1: Der Flug (von Patrick Gurris)

Nun ist es ja nicht so, daß ich zuallererst als Deutscher auf Reisen gehe. Andererseits fällt es auch schwer zu vergessen. Schon beim Einchecken. Hobbes muß auch prophetische Fähigkeiten gehabt haben; nirgend anders ist die Erkenntnis »Der Mensch ist des Menschen Wolf« einprägsamer als beim Einchecken. Dieser Vorgang bringt das Schlimmste im Menschen hervor, und natürlich auch das Schlimmste im Deutschen. Nicht bei mir natürlich.

Für den Flug Köln-Rhodos war ich schon vier Stunden vor Abflug am Schalter und somit der erste, der einen der begehrten Sitze an den Notausgängen für sich reklamieren konnte. »Außerdem habe ich mir vor ein paar Wochen das Knie verrenkt, ich brauche daher viel Beinfreiheit.« »Sir,« nein, ich geb’s zu, das hat sie nicht wirklich gesagt, aber es klingt besser, »Sir, wenn sie nicht 100% fit sind, können sie aber nicht am Notausgang sitzen.« »Nein, nein, das ist schon lange her, ich bin 100% fit.« Was mir selbstverständlich auch jeder ansieht.

Nachdem das erledigt war, hieß es nur noch drei Stunden auf das Boarden zu warten. Eine gute Gelegenheit, über die Mitreisenden zu spötteln und sich überlegen vorzukommen. Was? Die wollen auch nach Griechenland. Haben die denn ihren Aristoteles gelesen, ihren Heraklit, ihren Herodot, ihren Lord Byron, oder wenigstens Nikos Kazanzakis? Werden sie die Ermahnungen alternativer Reiseführer beherzigen und aus Respekt vor der Kultur des gastgebenden Landes nicht oben ohne zu baden? Haben sie, wie ich, in monatelanger Fleißarbeit die neugriechischen Entsprechungen von »Guten Morgen, Guten Tag, Hallo, Auf Wiedersehen, Gute Nacht, Wie geht es Ihnen und Die Rechnung, bitte« gelernt? Wie sehen die überhaupt aus? Mit ihren Rollschränken und Wandersandalen. Klar, wie Deutsche.

Ich hingegen tarne mich im Ausland stets mit Strohhut und gelbgetönter Brille. Mit schönem Erfolg: Die Deutschen halten mich für einen Amerikaner, die Amerikaner für einen Franzosen und die Griechen einfach für bescheuert.

Beim Besteigen des Flugzeugs, dem sog. Boarden, bieten sich dem Kosmopolit weitere hervorragende Gelegenheiten, sich vom gemeinen Fußvolk der Pauschaltouristen – ich reise selbstverständlich individuell – abzuheben. Zunächst einmal nach aßen atemberaubende Gelassenheit verströmen, obgleich es in einem genauso heißund leidenschaftlich kocht, ob irgendsoein Idiot einem nicht den Platz in den Overhead-Compartments streitig macht. Manch einer, so scheint es, reist lediglich, um die Gratis-Zeitungen und -Zeitschriften einzusacken, und natürlich Kaffee und Soft-Drink, noch einen Soft-Drink und, wenn möglich, extra Brötchen.

So bin ich nicht. Meine Befriedigung liegt darin angesichts der ausliegenden Presse intellektuell zu stönen: »Bild, Sport-Bild, Die Welt, Gala! Pah, diese Drecksblätter würd ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen.« Aber möglichst leise, damit die Stewardess mich nicht hört. Die Gala nehm ich selbstverständlich trotzdem. Wann kriegt man die schon mal umsonst? Nun ist beinahe das Schlimmste geschafft. Nur noch Herodot und die gesammelten Balladen Schillers auf den Sitz nonchalant schleudern, damit ist er belegt, Strohhut und Eastpak-Rucksack (hierin liegt naürlich eine Gefahr, als Deutscher enttarnt zu werden) in die Overhead-Dingens und hinein in den guten Stuhl.

Ich verspreche an dieser Stelle hoch und heilig: Sollte ich in Zukunft einen extra Sicherheitsgurt benötigen, weil einer nicht mehr ausreicht, mache ich Diät. Noch geht es, so gerade. Sie versuchen, mich mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut zu machen, aber als Kosmopolit und erfahrener Reisender habe ich dergleichen nicht nötig. Hah, die armen Idioten, glauben sie wirklich sie könnten sich noch retten? Vor allem, wenn ich am Notausgang sitze? Warum geht es nicht los, warum sind wir nicht auf dem Runway, wo bleibt denn das Essen? Diese Fragen beschäftigen mich genauso wie das andere gemeine Reiseviech, doch laß ich es mir gottseidank nicht anmerken. Himmel, ist Herodot langweilig, aber ich hab ja noch die Gala. Cabin crew take seats for take-off. Haben die anderen verstanden? Mmmh, ich schon, es geht los. Selbstzufrieden lächele ich ob meiner Weisheit. Der Start glückt. Gut, daß die beiden Abiturienten da vorne ihren Bord-Computer haben. Wann kommt das Essen? Immerhin haben wir noch den Film, das zollfreie Einkaufen und, hoffentlich, diese kleinen Schokoladen vor uns.

So ein Flug ist kein Zuckerschlecken. Die Wägelchen, sie rollen heran. Endlich. übrigens: Nicht nur heißen sie nicht mehr Stewardessen, sie sehen auch leider nicht mehr so aus. Flugbegleiterinnen. Na, was will ich erwarten. Wo es doch mittlerweile gilt, Flüge zwischen Essen-Altenessen und Köln-Kalk zu bestücken, ist das Personalpotential an schnuckligen Flugmäuschen anscheinend ausgedünnt. Und Miniröckchen werden auch nicht mehr getragen. Schade. Die Demokratisierung, oder sollte ich sagen Pöbelisierung, des Jet-Settens hat hier, wie so oft, jeglichen Reiz nivelliert. Das Essen war auch schon mal reichhaltiger. Ein extra Brötchen bitte.

Zu geizig, einen Kopfhörer zu kaufen. Aber »Goofy« war auch mit noch nie lustig. Spannender hingegen die Reisekarte im Wechsel mit den Flugdaten. Aha, Uhrzeit am Abflugsort 14:09, Uhrzeit am Ankunftsort 15:09, Flughöhe 10 000 Fuß. Ob der Idiot neben mir weiß, daß ein Fuß gleich 30 Zentimeter ist? Nee, der liest ja Sport-Bild. Gerade überfliegen wir Serbien. Was wohl da unten gerade passiert? Alle Brücken und Kindergärten wieder intakt? Nichts für ungut, Sportsfreunde, ich muß weiter.

Etwas später überfliegen wir die Insel Samos. Soll ich meinen Sitznachbarn mit Bildung beglücken: »Sehen sie mal, unter uns liegt Samos, sie kennen doch sicherlich Schillers berühmte Ballade ›Der Ring des Polykrates‹: Er stand auf seines Daches Zinnen / Er schaute mit vergnügten Sinnen / Auf das beherrschte Samos hin… Übrigens kenne ich da eine Taverne in einem Bergdorf mit einem ganz vorzüglichen Vorspeisenteller.« Nee, lieber nicht. Soll er doch bei seiner Sport-Bild bleiben und sich in »Zorba’s Tavern« mit Souvlaki vollstopfen. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle Deutschen so kultiviert reisen würden? Grauenvoll wäre das.

Es gibt noch Schokolade. Die Gala war auch schon mal grottiger. Zeigen denn nur noch die Hiltons ihre Titten? Am Ankunftsort sind es 24 Grad. So warm wie daheim, gottseidank. Die Landung klappt prächtig. Ich würde gerne klatschen, aber mir so eine Blöße geben? Unvorstellbar. Tja, damit wäre der entspannte Teil des Urlaubs zu Ende. Nun heißt es, erster draußen sein, erster am Band stehen, als erstes den Koffer nehmen – falls der Grieche mitspielt.

Aber von den haarsträubenden Erlebnissen eines kultivierten, kosmopolitischen Reisenden auf der Busfahrt von Rhodos-Airport nach Rhodos-Stadt erfahren Sie im nächsten Teil.

Patrick Gurris ist Kochbuchautor, Wahlgrieche und sporadischer Gastautor bei Ligne Claire. Er lebt auf irgendeiner griechischen Insel sowie im westfälischen Münster, wo er auch als »Titan vom Aasee« bekannt ist.

30. Juli 2004

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